Venus

Mit angemessener Sorgfalt öffne ich die schwergängige Tür des Containers.
Drinnen ist es muffig, es riecht nach Metall, abgestandener Hitze und Schimmel, der olfaktorische Preis für mein Refugium.
Wie immer zünde ich zuerst die Petroleumlampe an, deren mattes Licht den Raum ausreichend erhellt.
Wie immer fällt meine Maske, kaum dass die rostigen Türflügel verriegelt sind, und für einen Augenblick fühle ich mich frei, fast schwerelos. Ich versuche, dieses leichte Gefühl zu halten, während ich mich ausziehe, doch es entgleitet mir, und eine neue Beklemmung legt sich über mich und drückt mich fast zu Boden.

Sie.

Es ist ihr Einfluss.
Sie ist schuld.
An allem.

Wie sie reglos an der Rückwand des Containers steht, geheimnisvoll, von der flackernden Lampe in ein warmes Licht getaucht, hasse ich sie so sehr, dass es schmerzt.

Aber es ist ein hilfloser Zorn. Ich habe sie schon geschlagen, in heißer Wut, bis ihre raue Oberfläche meine Fäuste blutig gerissen hat, und ich matt und leer zu Boden gesunken bin.
Sie hat triumphiert, mit einem gleich bleibenden, in Stein gemeißelten Lächeln.


Sie ist mein Untergang.
Dabei ist sie mein eigenes Geschöpf gewesen, zunächst.

Ein großer Sandsteinblock, der Jahrtausende in der Erde geschlummert hat, bis ein Orkan den Baum, der über ihm gewachsen ist, mitsamt seiner Wurzelkrone umriss und den Stein so an die Oberfläche brachte.

Ich sah ihn, und er erweckte meine Begehrlichkeit.

Also grub ich ihn aus und schleppte ihn mit der Seilwinde Stück für Stück bis an den Waldweg, tarnte ihn mit Zweigen, bis ich ihn mit einem gemieteten Kleinlaster nach Hause bringen konnte.


Dort besah ich ihn von allen Seiten und erkannte an seinen Proportionen, was in ihm verborgen war, nämlich sie.
Es war zunächst lediglich eine originelle Idee, eine Steinzeitvenus nach dem Vorbild der Venus von Willendorf aus dem Block zu meißeln, und so begann ich einfach, ohne wesentliche Vorkenntnis in der Steinbearbeitung zu haben.


Ich schälte sie langsam und mühevoll heraus, ihre hemmungslos üppige Formen, in Lebensgröße. Die Aufgabe nahm mich gefangen, ich zog mich zurück und arbeitete Tag und Nacht an ihr. Ich liebkoste sie mit Hammer und Meißel, glättete liebevoll ihre Gestalt, schenkte ihr die endgültige Form.
Doch dann verließ ich die prähistorische Vorlage und gab ihr ein Gesicht.

Und so gewann sie Macht über mich.

Nicht, dass mir dieser Fakt verborgen geblieben wäre, ich merkte es sehr wohl. Es wäre klug gewesen, sie zu zerstören, aber das überstieg inzwischen meine Kräfte. Also grenzte ich sie aus, indem ich sie zu diesem Container auf dem alten Flugplatz schaffte.

Doch der Container wurde zum Altar und machte alles noch schlimmer.


Die Stätte zieht mich an wie ein Magnet.
Ich zünde Räucherstäbchen an, um den Containergeruch zu vertreiben und begebe mich in eine Zwiesprache mit ihr.
Ihre steinerne Sinnlichkeit überwältigt mich.
Ich kenne das, deshalb lege ich das große, alte Messer in die Flamme der Petroleumlampe.
Dann lasse ich mich fallen.

Bilder steigen in meinem Kopf auf.
Bilder von Frauenleibern, Bilder von Schmerz und Blut, von aufgerissenen Augen, von schmerzverzerrten Mündern, von Haut, die zerteilt wird, von Innerem, das nach außen gestülpt wird.
Von Lust.
Von meiner Lust.
Von Fleisch, in das ich meine Zähne schlage.
So plastisch. Ganz nah und real.

Ich schwebe.
Ich triumphiere.
Ich ergieße mich.

Doch dann greift sie nach mir. Erdrückt mich mit ihrer Masse. Sie ist so groß und so schwer.
Ich habe Angst.
Ich kann nicht atmen.
Warum kann ich dich nicht ficken, Mutter?

Mir wird schlecht. Ich will schreien, aber meine Kehle ist verschlossen.
Nur weg hier.
Wo ist das Messer? Schnell!

Ich drücke die glühende Klinge innen an meinen Oberschenkel.
Das Echo meines Schreis hallt im engen Container wider.
Der Schrei befreit mich, ich komme zurück.

Warum strafst du mich nicht? Warum erdrückst du mich nur?


Ich fühle mich leer.
Ausgebrannt.
Müde.

Was habe ich da aufgehoben?
Warum habe ich ein fremdes Ohr in der Hand?
Ein zierliches Frauenohr, mit einem schönen Ohrring daran.
Was zum Teufel…?

Das war ich nicht!
Du bist schuld.
Nur Du!
Ich will das nicht. Du willst das.
Du!
Du bist ein Monster.


Mir ist schlecht.
Ich kotze gleich. Mein Herz hüpft und flattert. Gleich setzt es aus.
Muss ich jetzt sterben?
Irgendwas, was ich nicht sehen kann, drückt meine Brust zusammen.
Luft!
Ich will nur noch raus hier.
Raus aus mir.

Fort.
Her mit der Klinge!
Ah, Schmerz. Du bist mein Freund. Du bist real.

Was soll ich mit dem Fleischabfall da?
In den Mülleimer damit.
Ich darf nicht vergessen, ihn nachher zu leeren, das stinkt sonst.

Ich glaube, ich gehe jetzt.
Mir ist jetzt auch kalt.
Muss mich anziehen.
Lampe ausmachen.
Abschließen.

Die Sonne scheint ja noch. Immer noch Tag.
Muss dringend was essen. Noch einkaufen auf dem Rückweg.
Obst, Brot, Käse und Wasser.
Grappa, Tequila, irgendwas.
Der Supermarkt ist so grell, das macht mir Angst. Muss aber da rein, geht nicht anders.
Wird schon werden.

Autoschlüssel?
Ah, da, in der Tasche.
Meine Hand zittert aber ganz schön … komisch, warum eigentlich?
Weg hier. Schnell weg hier.


Ich werde wohl eine Weile nicht mehr zum Container gehen.
Das tut mir nicht gut, da hinzugehen.
Und ihr wird das eine Lehre sein. Sollte ich irgendwann, irgendwann wieder hingehen, dann wird sie freundlich sein, ganz zahm, da bin ich mir ganz sicher.
Sie hält das nicht lange durch, das weiß ich.


Ich glaube, ich bin verrückt geworden.


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