BDSM als gelebte Praxis und die Darstellung von Sadomasochismus 

oder: warum ich mich in gewisser Weise meiner Verantwortung der Szene gegenüber entziehe

Da die Begriffe mehr oder weniger unscharf verwendet werden, und die SM - Szene noch immer um einheitliche Begriffsverwendung ringt, hier eine kleine, wiederum subjektive Bestimmung:

Mit den Begriffen 'Sadismus', Masochismus' und 'Sadomasochismus' meine ich die unmittelbare Neigung an sich, unabhängig von deren Verwirklichung. Hier geht es mir um das Verlangen, um den Trieb, um die Lust, um das, was im Kopf (oder sonst wo im Körper) nach Befriedigung drängt.

BDSM hingegen ist ein gesellschaftliches Konstrukt, welches aus meiner Sicht zwei Hauptziele verfolgt: Zum einen möchte BDSM ein Gebilde von Erfahrungen und Regeln darstellen, welches das Zusammenleben oder zumindest das gemeinsame Ausleben von Sadomasochismus in einem verträglichen Rahmen ermöglicht. Zum anderen möchte BDSM, sei es, um Repressalien zu mindern, sei es, um das Ansehen und die Wichtigkeit der Repräsentanten zu erhöhen, eine gesellschaftliche Akzeptanz erreichen. Ersterer Ansatz beobachtet den ungefilterten Sadismus mit Argwohn, letzteres lehnt ihn aus nachvollziehbaren Gründen ab, verletzt er doch in seiner Urform eben jene Regeln des SSC ('safe, sane and consensual', also 'sicher, gesund und einvernehmlich').

Hier beginnt nun mein Interessenskonflikt mit BDSM. Ich habe nun das Glück, in einer bereits mehrere Jahrzehnte währenden SM - Beziehung zu leben. Diese Beziehung fußt natürlich und auch zwangsläufig auf den Regeln des BDSM. Nicht, weil wir sie gekannt hätten, unsere Kontakte zur SM - Szene knüpften sich verhältnismäßig spät, sondern weil diese schlicht und einfach sinnvoll sind. Auf der anderen Seite bietet das Vertrauensverhältnis so einer alten Beziehung allerdings auch die Möglichkeit, Grenzen auszuloten und Wagnisse einzugehen. Und für diesen Umstand bin ich in der Tat äußerst dankbar.  

Als Autor stehe ich mit BDSM allerdings auf Kriegsfuß. In meinen Geschichten und Büchern muss und will ich keinen Umsetzbarkeits- und Verträglichkeitsfilter anlegen. Hier darf, hier soll die Neigung agieren dürfen. Ich selbst bin in der Lage, zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden. Und ich vertraue darauf, dass der Leser dazu auch in der Lage ist.

Dem erklärten Ziel von BDSM, eine möglichst verträgliche Außendarstellung des Sadomasochismus zu fördern, stehe ich damit sicherlich im Wege. So löschen große BDSM -Foren meine Geschichten mit Beschreibungen von nicht einvernehmlicher Sexualität bzw. lassen ihre Veröffentlichung nicht zu.  Ich finde das bedauerlich.

Aus meiner Sicht sollten SM - Geschichten für Sadomasochisten geschrieben werden und nicht für das gefällige Urteil der eventuell mitlesenden Außenwelt. Ich denke, es stellt durchaus einen Wert da, in der Phantasie - ob nun gedacht oder niedergeschrieben - in den Keller hinabzusteigen und dort den Giftschrank zu öffnen. Und sei es nur, um eine Extrapolation der eigenen gelebten Praxis vorzunehmen und zu sehen wohin diese führen würde. Den BDSM - Ansatz, alles Gedankengut zu verfolgen und totzumachen, was nicht SSC ist, halte ich für bedenklich. Es mag ja sein, dass es eine breite Schicht Plüschhandschellen - SMler gibt, welche wahlweise verstört reagiert, wahlweise völlig verantwortungslos meinen Geschichten folgt und sich ins Verderben stürzt. Vielleicht nimmt ein durchgeknallter Triebtäter meine Gedankenverbrechen tatsächlich als Vorlage für seine Taten, fühlt sich durch meine Geschichten ermutigt und gleichzeitig enthemmt, seine Perversionen auszuleben. Aber irgendwie glaube ich nicht daran.

Woran ich hingegen ganz fest glaube, ist die Verantwortung, welche ein Sadomasochist sich selbst gegenüber hat. Er steht mit seiner 'Perversion' im Widerspruch zu den Werten der Gesellschaft. Sadismus wird gleichgesetzt mit 'böse' und 'unmoralisch', Masochismus/Devotion mit 'dumm', 'minderwertig' und 'nicht lebensfähig'. Das mag ja alles sein, ich selbst bin 'böse', ich kann nicht sagen, inwieweit ich, hätte ich keinerlei Sanktionen zu befürchten, meinen Sadismus ungehemmt ausleben würde. Die Frage stellt sich in meiner Realität nicht. Aber was wäre beispielsweise im dritten Reich gewesen? Ich würde meine Hand da nicht ins Feuer legen. Aber das würde ich bei vielen anderen Menschen auch nicht.

Dennoch hat der Sadomasochist aus meiner Sicht eine größere Verantwortung, sich mit sich selbst auseinander zu setzen. Und diese Verantwortung beschränkt sich meiner Meinung nach nicht darauf, sich Regeln zu setzen, sondern schließt ein, sich zu kennen. Und da sind für mich das Ausloten der Phantasie und die Abgrenzung zwischen Phantasie und Realität unerlässlich.

Und deshalb dürfen die Protagonisten in meinen Geschichten Dinge tun, die in meinem Leben keinen Platz haben. Ich möchte wissen, wie weit sie gehen, und warum ich ihnen nicht folgen würde. Und damit das funktioniert, müssen meine Geschichten nahe an der Realität bleiben. Sie müssen möglich sein.

Ich hoffe, das ist mir gelungen.


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