Ricks Welt

 

Inhalt:

Der Ingenieur Richard Weber hat schon bessere Tage gesehen: Von Frau und Kinder verlassen, von der Firma wegen Alkoholproblemen suspendiert, ist er auf unbestimmte Zeit krankgeschrieben. Mangels Beschäftigung schreibt er immer härter werdende Vergewaltigungsgeschichten, die er im Netz als 'Rick' veröffentlicht. Um einen völligen Absturz des narzisstischen Neurotikers zu verhindern, kehrt seine Frau, Patrizia, zu ihm zurück und sperrt ihn so lange im Haus ein, bis er einwilligt, wieder Psychopharmaka einzunehmen.

Doch gerade als sich er und Patrizia wieder annähern, geschieht das Unfassbare: Ricks Geschichten werden Realität. Schon bald haben ihn Polizei und Staatsanwaltschaft im Visier. Und der mit der Ermittlung betraute Kommissar ist zudem ausgerechnet ein ehemaliger Schulkamerad von Rick, mit dem ihn eine alte Feindschaft verbindet.

Aber das ist nicht sein Hauptproblem: Rick ist sich nicht sicher, ob er nicht selbst der Täter ist. Ob er die Welt, die er mit seinen Geschichten geschaffen hat, jetzt noch kontrollieren kann. Und auch Patrizia scheint Geheimnisse vor ihm zu haben...

Leseprobe:

Ich wachte auf, viel zu früh, normalerweise schlief ich inzwischen länger. Am Ende meiner Ehe hatte ich im Keller geschlafen, in dem Raum mit den Sandsteinwänden, weil nur dort die nötige Ruhe zu finden war, aber nun, seit die Stille in das ganze Haus eingekehrt war, schlief ich wieder im Schlafzimmer. Doch nun war jemand im Zimmer und das hatte mich wohl aufgeweckt. Meine Augen waren verklebt, und ich hatte einen ganz scheußlichen Geschmack im Mund, vermutlich auch einen furchtbaren Kater, aber das würde sich erst nach dem Aufstehen richtig zeigen. Doch irgendjemand hatte mir jetzt die Decke weggezogen, also rieb ich an meinen Augen herum, bis ich sie öffnen konnte.

Ich blinzelte ein wenig, es war deutlich zu hell, aber ich musste kaum hinsehen, um zu wissen, wer nun in meinem Schlafzimmer stand, obwohl ich doch nackt schlief. Es war Patrizia, meine Frau. Meine Exfrau, die mich verlassen hatte. Natürlich, sie hatte noch einen Schlüssel zum Haus, die Scheidung war noch nicht abgewickelt. Ich stierte sie an und dachte gleichzeitig über den metallenen Ring nach, der dem Anschein nach meinen linken Knöchel umschloss. Patrizia sah gut aus, besser als ich vermutlich gerade, sie trug eine enge Jeans und eine lange Folklorestrickjacke – ein buntes peruanisches Muster – die ich noch nicht kannte, darunter ein T-Shirt. Die Jacke war offen und Patrizias mittelgroßen Brüste zeichneten sich unter dem Shirt ab.

Meine Augen folgten der Kette, die von den Handschellen an meinem Knöchel in ziemlich gerader Linie zum Heizkörper führte, wo ein zweites Paar das Zu- und Ablaufrohr umschloss. Ich schluckte ein paar Mal um den ekelhaften Pastis – Geschmack im Mund los zu werden und wartete. Ganz offensichtlich konnte ich im Augenblick wenig tun, und Patrizia würde wohl von selbst etwas sagen, wenn sie mir denn etwas mitzuteilen hatte.

„Das, was du im Netz veröffentlichst wird immer enthemmter“, sagte sie schließlich. „Und ich habe von dir in der Zeitung gelesen.“

„Was?“

Sie sah mich an.

„Das Mädchen an der Bushaltestelle. Das warst du.“

„Ich habe sie nicht angerührt. Und ich habe sie wieder laufen lassen.“

„Und das ist der Grund, warum ich hier bin und nicht die Polizei.“

„Du meinst, deshalb bin ich nicht mit dem Lauf einer Maschinenpistole im Hintern aufgewacht?“

Patrizia ignorierte meine launige Bemerkung, die ich selbst angesichts der Umstände eigentlich für durchaus ein wenig geistreich gehalten hatte.

„Richard, es sollte mir eigentlich egal sein, was mit dir geschieht, und ob du dich auf die eine oder andere Weise zugrunde richtest. Aber es ist mir – verdammt noch mal – nicht egal, ob meine Kinder mit einem Vater aufwachsen müssen, der als Triebtäter im Gefängnis sitzt.“

Ich dachte über das Gesagte nach.

„Und deshalb willst du mich jetzt gefangen halten?“

„Zeig mich doch an!“, sagte sie patzig.

„Nein“, fuhr sie etwas ruhiger fort, „Ich weiß ehrlich gesagt selbst noch nicht so genau, was ich mit dir anfangen soll. Mir war es wichtig, dich erst einmal aus dem Verkehr zu ziehen, bevor du etwas anrichtest, das nicht mehr so ohne weiteres rückgängig gemacht werden kann.“

Sie lachte auf eine Art, die ich bei ihr noch nicht kannte.

„Aber ich habe ja den ganzen Tag Zeit, mir etwas einfallen zu lassen. Oder die ganze Woche…“

Sie wandte sich zum Gehen.

„Ich habe Durst, ich werde Hunger bekommen, ich muss pissen, und was soll ich den ganzen Tag lang machen?“

Doch Patrizia war schon zur Tür hinausgegangen.

Einige Minuten später kam sie mit einer Flasche Mineralwasser, meinem Laptop und einer Blumenvase zurück.

„Hier hast du etwas zu trinken. Von mir aus piss in die Blumenvase, wenn ich weg bin. Den Laptop lasse ich dir hier, aber ich habe den Stecker aus dem Modem im Wohnzimmer gezogen, Internet hast du also nicht.“

„Und was ist mit Essen?“

Sie lachte wieder, für ihre Verhältnisse erstaunlich gehässig.

„Ich weiß nicht, was du die letzten Wochen gegessen hast, aber es macht dick. Und wenn wir schon dabei sind, dein Bart sieht wirklich affig aus.

So, nun muss ich gehen. Ich schau heute Abend noch mal vorbei. Mach keine Dummheiten, du schadest dir selbst damit mehr als mir.“

Ich sah ihr nach. Ihr Parfüm lag noch in der Luft, lange nachdem sie gegangen war. Schließlich pisste ich in die Vase und schaltete den Laptop ein.


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