Leseprobe 'Das letzte Element'

'Das letze Element' ist ein Krimi, der in der Grenzregion zwischen dem Elsass, der Pfalz und Baden spielt. Ein Frauenmörder macht die Gegend unsicher, er hat bereits vier Frauen auf spektakuläre Weise ermordet. Naomi Gerber, eine junge, üppig geformte Reporterin in der beruflichen Krise, macht sich auf eigene Faust auf, über die Fälle zu recherchieren. Ziemlich schnell trifft sie auf Ralf Schuhmann, einen freischaffenden Lebenskünstler, der sich ebenfalls für die Morde interessiert: Er will ein Buch über die Verbrechen schreiben. Als er Naomi anbietet, mit ihr zusammen die Tatorte aufzusuchen, willigt sie ein.

Nun denn, hier eine Leseprobe:

Wasser

 

Er liebt die Schönheit an sich. Er liebt sie in allen ihren Ausprägungen, sei es in Form einer besonders schönen Landschaft, eines Gartens beispielsweise oder einer besonders schönen Stelle in der Natur, sei es in Form von Gebäuden, Skulpturen, Statuen oder Gemälden. Und natürlich liebt er die Schönheit ganz besonders in ihrer allerflüchtigsten Form: in der Gestalt einer Frau.

Nun ist es sicherlich nicht außergewöhnlich, das Schöne zu lieben: nahezu jeder schätzt das Schöne und wendet sich vom Hässlichen ab. Vielleicht ist es also mehr der Grad Seines Begehrens, der Ihn außergewöhnlich macht, vielleicht ist es die wilde, hemmungslose Gier, die ihn immer und immer vorwärts treibt.

Und natürlich ist es das Leid, welches ihm seine weitgehend unbefriedigte Liebe zur Schönheit tagtäglich bereitet. Wäre er Gott, oder wäre er zumindest ein mächtiger Herrscher, er hätte vielleicht glücklich sein können in seiner Existenz. Er wäre trunken gewesen vor Glück, hätte sich alltäglich berauscht am Schönen; alles hätte er besessen und ausgekostet bis zur Neige, alles, alles…

Indessen, er ist es nicht. Er ist nicht einmal bedeutend, nicht auf die althergebrachte Art. Und so ist er beschränkt, ach, so jämmerlich beschränkt ist er in seinen Möglichkeiten.

 

Und auch wieder nicht.

 

Er hat gehadert, er hat gekämpft, er hat versucht zu verdrängen, lange Jahre tat er das. Und hat dabei gelitten wie ein Hund. Seine Hoffung, durch Gewohnheiten, durch einen festen Tagesrhythmus, durch die Beschäftigung mit anderen Dingen seinen inneren Frieden oder zumindest so etwas wie Normalität zu finden, ist kläglich gescheitert, ja dieser Versuch hat ihn letztlich in eine tiefe Krise gestürzt, die ihn fast das Leben gekostet hätte.

 

Er lehnt sich in seinem Faltstuhl zurück und zündet sich eine Zigarre an. Es ist schneidend kalt, aber seine Wanderstiefel sind warm genug, auch die Jacke und die Thermohose isolieren die Kälte gut. Er hat sich eben umgezogen. Die neue Kleidung ist trocken und wärmt ihn wieder auf.  Die beiden Fackeln, links und rechts neben dem Gumpen in den Schnee gerammt, tauchen den Wasserfall in ein mildes flackerndes Licht, bringen die Eiszapfen, welche am Rande des Wasserlaufes von den Felsen herunterhängen, zum Funkeln und Glitzern, als wären es riesige Diamanten. Die Stämme der Bäume sind fast schwarz, die kahlen Zweige mit ihren immer filigraner werdenden Verästelungen bilden hoch über seinem Kopf ein gitterartiges Gewölbe. Er sieht nach oben, und da die Nacht klar ist, kann er einige Sterne erkennen.  Zwischen den Bäumen stehen Stechpalmen, deren Blätter im Fackelschein von einem intensiven, von der Kälte unberührten Grün sind.

Die Zigarre ist gut, sie brennt jetzt richtig, die würzigen Schwaden ihres Rauches hüllen ihn ein. Er seufzt.

 

Ja, die Krise… sie hatte ihn an den Rand der Auslöschung geführt, und so ist er schließlich gezwungen gewesen, eine Entscheidung zu treffen. Für seinen Tod oder für das Leben. Für ein Leben auf seine ureigene und ihm vorbestimmte Art. Er hat sich für letzteres entschieden.

Nachdem er auf diese Weise Klarheit erreicht hat, ist er mit neuen Freiheitsgraden und Möglichkeiten ausgestattet noch einmal in sich gegangen, hat erneut versucht, das Wesen der Schönheit zu ergründen, oder genauer, einen Weg zu finden, wie er sich der Schönheit befriedigend annähern könnte.

Wichtig für ihn ist, so hat er schließlich durch intensives Nachdenken herausgefunden, den AUGENBLICK zu erfassen, ihn auszuschöpfen und schließlich zu konservieren. Er hat verstanden und auch akzeptiert, dass er niemals in der Lage sein würde, Schönheit physisch zu sammeln, anzuhäufen, dazu waren seine Ressourcen viel zu knapp. Er muss sich also beschränken. Beschränken auf den einen, den entscheidenden Moment.

 

Er nimmt einen bedächtigen Zug, die Glut schwillt sacht an, der Rauch strömt in seinen Mund. Die Zigarre ist ein Gedicht, mild und gehaltvoll zugleich. Langsam bläst er den Rauch wieder hinaus. Die Luft ist kalt und klar, sie verstärkt den Geschmack des Tabaks. Er nimmt einen weiteren Zug.

 

Nein, das ist falsch. Es ist weit mehr als nur der eine Moment, es ist genauer betrachtet ein ganzer Zyklus: Zuerst entdeckt er die Schönheit. Dann, wenn er entschieden hat, dass sie seiner würdig ist, erarbeitet er sie sich Stück für Stück.

Wie bei Susanne. Sie war ihm aufgefallen, als er im Fremdenverkehrsamt eine Wanderkarte kaufen wollte. Susanne war eindeutig ein Kind der Region, mit dunkelbraunen, fast schwarzen Haaren und blauen Augen. Das Dirndl, das sie getragen hatte, verstärkte den landestypischen Eindruck natürlich, wäre aber keinesfalls nötig gewesen, zumindest nicht mehr ab dem Zeitpunkt, an dem sie gesprochen hatte, mit einer weichen Stimme und einem sehr angenehmen Schwarzwälder Dialekt. Susanne klang nicht gekünstelt oder betont ihren Dialekt, im Gegenteil, sie sprach quasi im Naturzustand, genau so, wie sie vermutlich schon seit ihrer Kindheit gesprochen hatte, und ihre Sprachmelodie fuhr ihm wohlig durch Mark und Bein. Natürlich hatte er sie nicht etwa direkt angesprochen, zumindest nicht über den Kauf der Landkarte hinausgehend. Aber er hat nach und nach alles über sie in Erfahrung gebracht, was in seiner Macht lag, herauszufinden: Wo Susanne wohnte, wie sie lebte, was sie in ihrer Freizeit unternahm. Was ihre Vorlieben und Abneigungen waren, beispielsweise dass sie regelmäßig Sport trieb, sie war Mountainbikerin, wenn auch keine herausragende. Natürlich interessierte sie sich für Heimatkunde, bei ihrer Arbeitsstelle war das schließlich kein Wunder, und sie war Mitglied in einer regionalen Trachtengruppe, er hatte dann tatsächlich einmal eine diesbezügliche Veranstaltung besucht, um sie in der vollen Tracht zu sehen. 

Der nächste Schritt im Zyklus, der konkrete Teil der Annäherung an die Schönheit nach einer weiteren, eingehenden Prüfung und positiver Entscheidung, ist naturgemäß eine große und aufregende Steigerung.

Er lässt sich hier so viel Zeit, als ihm nur immer möglich ist, ohne das Gesamtwerk zu gefährden. Er kostet dann alles aus, auch und gerade das Körperliche, das Intime, die sexuelle Lust.

Wenn es dann irgendwann soweit ist, gibt es früher oder später das unweigerliche Finale, den AUGENBLICK. Hier bietet er alles auf, was in seiner Macht steht, sein ganzes kompositorisches Können, sein Wissen, seine Ortskenntnis, sein Stilempfinden.

 

So wie jetzt gerade. Er hat seinen Feldstuhl am Rande der Gertelsbacher Wasserfälle aufgestellt. Es ist Nacht, es ist Winter, und der Weg zu dem etwas abseits liegenden Naturdenkmal ist vereist und gefährlich. Mit einer Störung ist also nicht zu rechnen. Die Wasserfälle sind eine längere Strecke von riesigen, übereinander getürmten Felsblöcken, über die ein Wasserlauf, nicht größer als ein Bach zu Tal fließt. An mehreren Stellen stürzt das Wasser in Kaskaden einige Meter hinab und sammelt sich in kleinere Felsbecken, den so genannten Gumpen.

Er hat eine Kaskade ausgewählt, die nicht direkt in das Becken stürzt, sondern zuerst gegen eine Steinplatte prasselt. Bis auf die Stelle, wo das Wasser direkt auftrifft, ist der Fels mit einer Eisschicht überzogen, welche im Schein der beiden Fackeln funkelt und glitzert.

Mitten im eiskalten Wasserstrahl steht Susanne und stirbt gerade. Ihre Arme sind waagrecht ausgebreitet, an eine Stange gefesselt, welche auf ihren Schultern liegt und deren Enden er vorhin an den Felswänden fest gedübelt hat. Damit Susannes nackter Körper die gewünschte Kreuzform beibehält, hat er ihr die Fußknöchel und Knie eng zusammengeschnürt. Er sieht die gefesselte Frau aufmerksam an. Ihre Haut wirkt inmitten des herunterströmenden Wassers sehr hell. Das nasse Haar hängt bis zu den Ansätzen ihrer Brüste herunter. Letztere sind halbrund, nicht sehr groß und haben auffallend dunkle Warzen. Susanne ist zwar schlank, doch kräftig genug, dem harten Leben im Schwarzwald genüge tun zu können, ihre Familie lebt schließlich schon seit Generationen dort. Ihr Becken ist breit, das gekräuselte Vlies an ihrem Schritt schimmert dunkel im herunter rinnenden Wasser. Sie hätte heiraten können, Kinder gebären, ein erfülltes Leben führen, doch jetzt stirbt sie.

Anfänglich hat sich Susanne trotz der eingeschränkten Bewegungsfreiheit gewunden, dann immerhin noch sichtbar gezittert, aber jetzt steht sie ganz still. Die Kälte verrichtet ihren barmherzigen Dienst. Der Strick, welcher Susannes Knöchel umschlingt, ist bereits mit einer dünnen Eisschicht bedeckt, die sich fast unmerklich auch über ihre Schienbeine auszubreiten scheint.

Wieder seufzt der Mann.  

Der ultimative Moment der Schönheit ist jener, in dem sie unwiederbringlich zerstört wird.


 

*****

 

Naomi Gerber stand vor dem Spiegel und betrachtete sich kritisch. Sie war Anfang Dreißig, arbeitete als Journalistin für eine Stuttgarter Tageszeitung, und vor etwa einem halben Jahr hatte sie die Kleidergröße 42 wohl endgültig hinter sich gelassen. Seither schaute sie öfters in den Spiegel, wie sie sagte, um Schlimmeres zu verhindern.

Naomi seufzte, dann griff sie mit den Handflächen unter ihre Brüste und hob sie prüfend etwas an. Sie drehte sich ein paar Grad zur Seite, betrachtete kritisch das Spiegelbild ihres Halbprofils und lächelte probehalber.

Es geht so…, dachte sie. Wirklich zufrieden war sie nicht mit dem, was sie sah.

Ihre Schenkel waren eine Spur, oder inzwischen leider auch schon mehr als eine Spur zu voll. Ihr Bauch wölbte sich wahrnehmbar, was man möglicherweise gerade noch als sinnliche Kurve deklarieren konnte, und ihr Hintern… nun ja. Der war zwar straff, aber durchaus als prall zu bezeichnen. Doch gelobt sei der Schöpfer, über der problematischen Kurve ihres Bauches rundeten sich zwei gut proportionierte Brüste in D-Größe, die ganz offensichtlich von der Problemzone unter ihnen abzulenken wussten.

Naomi nahm die Haarbürste in die Hand und kämmte sich, immer noch vor dem großen Spiegel stehend.

Mein Gott, warum mache ich mir eigentlich Gedanken um mein Aussehen, dachte sie frustriert. Für die Männer, die gerade im Angebot sind, lohnt es sich nicht wirklich, Verrenkungen zu machen.

So beendete sie also ihre morgendliche Musterung und zog sich an, ein weites Top, welches von ihren Brüsten soweit nach vorne ausgebeult wurde, dass man den Bauch nicht sehen konnte und enge Jeans. Nach Naomis Beobachtung war das die für sie vorteilhafteste Kombination, von einem eng anliegenden Kleid vielleicht abgesehen, aber das würde sie niemals anziehen, wenn sie in die Redaktion ging. Und die praktischen Treckinghosen mit den vielen Taschen trug sie nur in der Freizeit.

Naomis nicht sehr gemütliche Wohnung lag in Wangen, einem Stadtteil von Stuttgart, die Redaktion hingegen leider in Stuttgart – West, also auf der entgegengesetzten Seite der Stadt. So machte sie sich seufzend auf, das allmorgendliche Verkehrschaos zu meistern. Ihr alter Ford Ka war schon längst jenseits von Gut und Böse, sie selbst hatte im dichten Verkehr als nicht allzu viel zu verlieren, aber sie wunderte sich täglich, mit welcher verbissenen und unerschrockenen Sturheit der Auto fahrende Schwabe es sich nicht nehmen ließ, mit der aufpolierten E-Klasse auf seinem zumindest gefühlten Recht nach Vorfahrt zu beharren…

Sie benötigte heute fast eine Stunde, bis sie die Stadt durchquert hatte, wegen einiger Baustellen dauerte die Fahrt noch länger als gewöhnlich, und ihre Laune war auf dem Nullpunkt, als sie die Redaktion schließlich erreichte.

Ich sollte endlich eine richtig böse Kolumne über den schwäbischen Autofahrer mit Hut schreiben, dachte sie gallig, aber sie wusste, dass die Zeitung so etwas niemals abdrucken würde…

Wie jeden Tag ging sie durch den Flur in das Gemeinschaftsbüro und setzte sich an ihren Schreibtisch, ein ziemlich altes Modell, noch aus Blech. Sie schaltete den Computer ein und breitete, während er sich aufbaute, die Post auf der Tischplatte aus, um sie nach Dringlichkeit zu ordnen. Dann, mit einem Mal, hielt sie ein und hob den Blick.

Jesus, dachte sie, habe ich das hier wirklich gewollt?

Gerd Wolter von der Sportredaktion saß ihr schräg gegenüber und nickte ihr zu. Gerd war ein Fossil, er hatte allerhöchstens noch fünf Jahre, bevor er in den Ruhestand gehen würde. An seinem dicken Fell prallte alles ab, was sich in der Redaktion täglich entlud.  

Michael Hammerbacher, der das Wirtschaftsressort betreute, war ebenfalls bereits da,  sah aber – farblos wie immer – konzentriert auf seinen Schirm und schien seine Umgebung nicht wahrzunehmen. Naomi hatte in den ganzen drei Jahren, in denen sie schon bei der Zeitung arbeitete, kaum mehr als ein paar Sätze mit ihm gesprochen.

Karl Marquard vom Politikressort war krank gemeldet, eine Magen- und Darmgeschichte. Vielleicht war Michael auch so wortkarg, weil er Karl nun vertreten musste.

Timo Hesselbach, der ‚Star-Reporter’, wie ihn Naomi insgeheim nannte, glänzte ebenfalls durch Abwesenheit. Timo war schon der Kronprinz gewesen, als Naomi ihre Stelle angetreten hatte, und im Lauf der Jahre hatte er diese Stellung noch weiter ausgebaut. Etwas jünger als sie, war Timo immer in lässigem Chick gekleidet, und er entsprach dem Bild des eifrigen, tüchtigen Enthüllungsjournalisten so sehr, dass Naomi sich wunderte, wie der zynische, erfahrene Chefredakteur, Gunnar Kempf ihm diese Rolle so offensichtlich kritiklos abnehmen konnte. Timo würde erst kurz vor Beginn der Redaktionskonferenz erscheinen, wieder ganz offensichtlich gefesselt von irgendwelchen unglaublich spannenden Enthüllungen, welche wie immer Pulitzer – Preis – verdächtig sein würden, zumindest nach Darstellung des hoffnungsvollen Nachwuchsjournalisten. Gunnar Kempf, der die Redaktion mit eiserner Faust regierte und die frühmorgendliche Anwesenheit seiner Mitarbeiter normalerweise einforderte, würde bei seinem Günstling wieder einmal ein Auge zudrücken.

Naomi schnaubte leise. Sie selbst war in die Kultur/Feuilleton – Ecke gerutscht. Möglicherweise, weil sie neben Louisa Tremalzo die einzige Frau in der Redaktion war. Louisa war eine junge, pummelige Italienerin und betreute die Anzeigensparte, fröhlich, nett und hilfsbereit, und sie wurde von den männlichen Kollegen natürlich in keiner Weise als gleichwertig betrachtet. Naomi hätte Louisa gerne mehr unterstützt, anfänglich hatte sie das auch getan, doch dann hatte sie erkannt, dass sie selbst unmerklich ebenfalls aus dem Kollegenkreis ausgegrenzt wurde. So hatte sie aus reinem Selbstschutz auf eine weibliche Allianz verzichtet und beschränkte sich nur noch darauf, zu grobe Übergriffe auf Louisa zu unterbinden. Zumal die junge Italienerin längst nicht in dem Maß wie sie selbst unter der herablassenden Behandlung der Kollegen zu leiden schien, im Gegenteil, sie nahm das alles mit fröhlicher Gelassenheit hin. 

Naomi seufzte. Als sie nach Stuttgart gekommen war, schien doch alles so positiv zu sein, eine kleine, aber aufstrebende und niveauvolle Tageszeitung, in der sie sich einbringen könnte, dazu ein erfahrener Chefredakteur mit einem in der Branche durchaus klingenden Namen. Nach wie vor hielt Naomi sich für eine fähige Reporterin, doch es war nicht abzuleugnen, dass sie inzwischen selbst bei dieser kleinen Redaktion ins zweite Glied gerutscht war, warum, das wusste sie eigentlich nicht so genau. Und auch ‚Stuttgart aktuell’ hatte sich bei näherem Hinsehen nicht als das entpuppt, was Naomi sich vorgestellt hatte.

Früher oder später würde sie sich entscheiden müssen, ob sie sich eine andere Arbeitsstelle suchen sollte, oder ob sie sich damit abfand, irgendwie hier zu leben und einen gleichförmigen Job ohne große Höhepunkte oder Perspektiven zu machen. Die Bezahlung bei ‚Stuttgart aktuell’ war eigentlich nicht schlecht, auch wenn viel von dem eigentlich guten Gehalt durch die hohen Lebenshaltungskosten in Stuttgart wieder aufgefressen wurde.

Naomi schüttelte die im Augenblick müßigen Grundsatzgedanken ab und vertiefte sich in die Post. Um zehn Uhr war die Redaktionskonferenz, bis dahin musste sie das Material gesichtet haben.

 

„Was haben wir heute?“ Gunnar sah sie reihum an. Er hatte eine Stirnglatze, halblange und ungepflegt wirkende Haare und eine Lesebrille, die er auf der Nasenspitze trug, um bedeutungsvoll über sie hinwegsehen zu können.

In gewisser Weise ist er genauso ein lebendig gewordenes Klischee wie sein Jünger Timo, dachte Naomi. Bestärkt wurde dieser Eindruck durch Gunnars unsägliche schwarze Weste, die er täglich trug, ebenso durch die Tatsache, dass er bei ihren Sitzungen permanent rauchte, was sie durchaus störte. Da Gunnar aber ohne weiteres sehr unangenehm zu seinen Mitarbeitern werden konnte, hütete sich Naomi, ihren Unwillen allzu deutlich zu zeigen. Heute kam noch hinzu, dass Timo nicht einmal zur Redaktionssitzung erschienen war, ein Fakt, der Gunnar sichtlich reizte, den er aber auf gar keinen Fall mit seinen Untergebenen diskutieren würde. In angespannter Stimmung gingen sie die Themen des Tages durch, es war alles in allem nichts wirklich Spektakuläres dabei.

„Was ist eigentlich mit diesem badisch – elsässischen Frauenmörder?“, fragte Gunnar schließlich. „Ist der immer noch auf freiem Fuß?“

Timo hatte nach dem ersten Mord und auch nach den weiteren jeweils einen Artikel geschrieben, aber die Suche nach dem Mörder schien sich schwierig zu gestalten, und nun waren auch schon mehrere Monate ohne weitere Morde verstrichen.

„Der Pamina – Mörder? Der wurde tatsächlich noch nicht gefasst.“ 

Da weder Gerd noch Michael reagierten, übernahm es Naomi, die eher rhetorisch gemeinte Frage zu beantworten. Es war wohl ausgeschlossen, dass Gunnar nicht wusste, dass der Mörder noch sein Unwesen trieb.  

"Ach, heißt der jetzt so?“, sagte Gunnar mürrisch.

„Pamina ist die Bezeichnung des Grenzgebietes zwischen Pfalz, Baden und dem Elsass“, antwortete Naomi so beiläufig als möglich, denn Gunnar mochte es nicht, wenn seine Angestellten ihr Wissen zu deutlich zur Schau stellten.

„Palatinat, Mittlerer Oberrhein und Nord Alsace. Steht so im Internet“, fügte sie hinzu.

„Was könnten wir denn als Aufhänger nehmen, um jetzt noch mal einen Artikel über den Frauenmörder zu schreiben?", fuhr Gunnar fort, ohne auf ihren letzten Satz einzugehen. "Solange er nicht gefasst ist, oder einen weiteren Mord begeht?"

"Ich könnte einen Hintergrundbericht schreiben. Die bisherigen Schauplätze aufsuchen, Systematiken darstellen."

Naomi hatte eigentlich nicht vorgehabt, diesen Vorschlag zu machen.

"Du? Seit wann fällt Frauenmord in das Kulturressort?"

Gunnars Erstaunen wirkte eine Spur zu geheuchelt, als dass es glaubwürdig gewesen wäre.

„Ich muss ja nicht im Kulturressort alt werden, nur weil ich eine Frau bin“, sagte Naomi bissiger, als sie eigentlich gewollt hatte.

„Ich weiß nicht… Ob sich der ganze Aufwand lohnt? Du müsstest ja jeden Tag hin und herfahren. Oder sogar ein Zimmer dort nehmen.“

Gunnar wiegte den Kopf bedenklich hin und her.

Naomi hatte mit einem Mal die Nase voll von dieser Redaktion.

Gunnar war dick geworden in der letzten Zeit, dick und überheblich. Der anfängliche Respekt, den sie vor ihm empfunden hatte, war verloren gegangen, inzwischen fürchtete sie nur noch seine Tadel und seine oft nörgelnden Angriffe. Und seine gerade in ihrem Fall an den Tag gelegte Sparsamkeit provozierte sie. Bei Timo war er immer wesentlich großzügiger, was Spesen und Ausgaben anging.

„Ich habe noch den ganzen Jahresurlaub. Ich nehme jetzt einfach zwei Wochen frei. Und die fünfzig Euro pro Tag für ein Zimmer kann ich mir gerade noch selbst leisten. Du kannst mir den Artikel dann ja abkaufen, wenn er fertig ist.“

Sie war jetzt ernsthaft böse. Gunnar hingegen schien eher belustigt zu sein.

„Abgemacht“, sagte er zu ihrer Überraschung. „Wenn sie gut ist, dann kaufe ich dir die Story ab.“

Naomi war sich selbst nicht ganz im Klaren, warum sie sich gerade eben so exponiert hatte, aber sie nahm sich zweierlei vor: Zum einen würde sie einen sehr guten Artikel schreiben. Und zum anderen in diesen zwei Wochen intensiv über ihre berufliche Zukunft nachdenken.

 

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'Wow, was für ein Buch, die absolut perfekte Mischung aus Krimi und SM!'

meint Zilly von den 'Schlagzeilen'
 

Das letzte Element

SM-Krimi

186 Seiten, Paperback, DIN-A 5

18,50 €

ISBN 978-3-936708-84-4


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