Marie-Charlotte

Erscheinungstermin: August 2012

Inhalt:

1789: In den Straßen von Paris tobt der revolutionäre Pöbel. Die junge Adelige Marie-Charlotte, Comtesse de Clermont, findet sich eines Tages von ihrem Vater und ihren Bediensteten verlassen und völlig lebensuntüchtig alleine in ihrem Palais wieder.

In dieser Situation wird sie von dem plündernden Müller Pierre aufgefunden. Von Marie-Charlottes sexuellen Fähigkeiten angetan, nimmt er sie und ihre Juwelen kurzerhand mit in seine Mühle, weg von Paris. Doch in der Folgezeit verfällt Pierre mehr und mehr der Trunksucht, und Marie-Charlotte verlässt ihn schließlich.

Keine Sekunde zu früh, denn der fanatische Jakobiner Attencourt ist ihr bereits auf den Fersen. Marie-Charlotte flieht die Seine hinunter und schließt sich zur Tarnung einer Mitreisenden, Alice Criault an. Doch diese entpuppt sich als Agentin Attencourts. Eine wilde Jagd quer durch Frankreich beginnt, bis sich Marie-Charlotte auf den Weg nach Westindien macht, um ihren Vater zu suchen. Der betreibt inzwischen auf Guadeloupe eine Sklavenplantage und ist alles andere als begeistert, als seine Tochter bei ihm aufkreuzt...

Leseprobe:

 

»Dann sollen sie eben Kuchen essen!« 

Diesen Spruch der Königin hat sie am besten gefunden, obwohl ihr nie ganz klar geworden ist, ob der Humor dieser Aussagen nun tatsächlich ein unfreiwilliger gewesen sein sollte.

Eigentlich ist Marie-Charlotte froh, dass sich endlich etwas tut in ihrem Leben, auch wenn die Geschehnisse für sie in der Tat jetzt Unannehmlichkeiten bedeuten.

Marie-Charlotte sitzt in ihrem Boudoir auf einem Diwan, und draußen tobt der Pöbel.

Die Dienstboten sind bereits über alle Berge, ihr Vater, der Comte de Clermont, den sie noch nie hatte leiden können, ist in die Überseekolonien gereist. Möglicherweise hat er den Aufstand und vor allem seine Ausmaße bereits vorausgesehen.

Dass er sie nicht mitgenommen hat, überrascht Marie-Charlotte nicht übermäßig, ihre Antipathie beruht schließlich auf Gegenseitigkeit.

Es ist nicht auszuschließen, dass Marie-Charlotte jetzt ganz alleine in dem großen Stadthaus ist, vorhin, als sie auf der Suche nach etwas Essbarem durch die Gänge gelaufen ist, ist ihr jedenfalls keine Menschenseele mehr begegnet. Sie hat sogar die Küche aufgesucht, einen Raum, den sie vorher noch nie betreten hat, und sie ist beeindruckt gewesen von dem mächtigen Herd, von den vielen Töpfen und Pfannen und der ruß­geschwärzten Decke.

Aber auch dort hat sie niemanden angetroffen, obwohl doch gerade in diesem großen Raum das Leben eigentlich hätte pulsieren müssen.

Sie hat sich also etwas kalten Braten aus der Küche genommen und eine angebrochene Flasche Wein und ist dann wieder in ihr Boudoir zurück­gekehrt.

Das Fleisch hat sie bereits aufgegessen. Nun trinkt sie.

 

Es ist sehr still in dem großen Haus, und inzwischen wird es auch dunkel. Marie-Charlotte hätte gerne ein Licht angezündet, aber sie weiß nicht wie.

Dann, mit einem Mal, hört sie leise Schritte auf dem Gang, Schritte, die zögernd näher zu kommen scheinen. Die Tür zu ihrem Boudoir öffnet sich, und ein Mann, den sie vorher noch nie gesehen hat, tritt ein.

»Seien Sie mir gegrüßt«, sagt Marie-Charlotte freundlich.

Der Mann trägt ziemlich grobe Kleider, was ihn als dem Pöbel zugehörend kennzeichnet, und er hat eine Pistole in der Faust.

Er sieht Marie-Charlotte, die mit einem geschliffenen Kelch mit Wein in der Hand immer noch auf ihrem Diwan sitzt, etwas irritiert an. Offensichtlich ist er davon ausgegangen, dass das Haus gänzlich verlassen wäre.

Marie-Charlotte wiederum lauscht angestrengt, doch sie hört keine weiteren Schritte draußen, der Mann ist anscheinend alleine gekommen.

Sie ist erleichtert.

Es ist ihr lieber so.

Der Eindringling hat sich inzwischen offensichtlich besonnen, was jetzt zu tun wäre, er tritt drohend vor Marie-Charlotte hin und hält ihr die Mündung der Pistole in das hübsche, nur wenig gepuderte Gesicht.

»Wo ist dein Schmuck, du adelige Schlampe?«, sagt er barsch.

Marie-Charlotte, welche die Unvermeidlichkeit der Situation schon längst akzeptiert hat, beugt sich etwas nach vorne und nimmt den Lauf seiner Pistole in den Mund, gerade so, wie sie es mit seinem Glied getan hätte. Der Lauf schmeckt nach Eisen, nach Öl und anscheinend nach Pulverresten, ein Geschmack, den sie noch nicht kennt, aber als interessant empfindet. Versuchsweise bohrt sie ihre Zunge ein Stück weit in den Lauf hinein, der Pulvergeschmack verstärkt sich dort und schmeckt ziemlich bitter.

Der Mann zieht den Lauf irritiert aus Marie-Charlottes Mund, doch dann lächelt er eine Spur widerwärtig.

Marie-Charlotte ist fasziniert. Der Mann ist noch nicht alt, und die jungen Männer ihres Standes, die sie kennt, tragen zwar einen Degen, wissen ihn aber zumeist in keiner Weise zu führen.

Der Eindringling wechselt die Pistole nun in seine linke Hand, mit der frei gewordenen Rechten gibt er Marie-Charlotte eine Ohrfeige. Ihr Kopf wird ein wenig gedreht, und das Brennen auf ihrer Wange fährt ihr direkt in den Unterleib.

»Noch einmal, bitte«, sagt sie leise und artig, und der Mann schlägt sie ein zweites Mal.

Nach der dritten Ohrfeige lässt sie sich nach hinten sinken und macht die Schenkel etwas auseinander. Der Mann hebt die verschiedenen Schichten ihrer Röcke und Unterröcke und zieht ihren bloßen Unterleib bis zur Kante des Diwans nach vorne. Marie-Charlotte fragt sich, ob er jemals zuvor eine enthaarte weibliche Scham gesehen hat, denn er starrt immer wieder, anscheinend fasziniert, auf die ihre. Dann entblößt er sich und dringt ohne großes Federlesen in sie ein. Marie-Charlotte kommt ihm entgegen, auch das scheint ihn zu verwundern. Vermutlich um sein Erstaunen zu überspielen, nimmt er nun die Pistole wieder und drückt sie auffordernd und auch ein wenig schmerzhaft gegen Marie-Charlottes Lippen, welche sich dem eindringenden Lauf bereitwillig öffnen. Der Mann spannt den Hahn der Pistole.

»Mach dich bereit, vor deinen Schöpfer zu treten, du hochwohlgeborenes Flittchen!«, knurrt er, während er sie mit großem Eifer nimmt.

Marie-Charlotte ist ganz aufgeregt. Sie kann sich zwar nicht vorstellen, dass er seine Drohung, sie zu erschießen, und dann auch noch so bestialisch durch den Mund, tatsächlich wahr machen will, aber die bloße Möglichkeit fasziniert und erregt sie.

Als Zeichen ihres Dankes verwöhnt sie ihn mittels ihrer kräftig ausgebildeten Muskulatur, und der Mann scheint nun seinerseits sehr angetan, er stöhnt lustvoll und auch in einem erstaunlichen Maße enthemmt und entlädt sich leider bereits nach nur kurzer Zeit. Wie sie es erwartet hat, nimmt er die Pistole wieder weg und sieht Marie-Charlotte jetzt etwas verwundert an.

»Dürfte ich, nachdem wir uns nun ja etwas näher gekommen sind, Ihren geschätzten Namen erfahren?«, fragt sie.

»Pierre«, sagt der Mann nach kurzem Zögern, »nenn mich einfach
Pierre.«

»Ich bin Marie-Charlotte«, entgegnet sie artig. »Mein Vater ist der
Comte de Clermont, aber er ist leider nicht zugegen, um Sie empfangen zu können, Monsieur Pierre.«

»Marie also«, sagt der Mann. »Hör mal, Marie, es wäre mir lieber, du würdest mir freiwillig zeigen, wo dein Schmuck ist, aber ich bin auch bereit, es aus dir herauszuprügeln, wenn es denn sein muss.«

Marie-Charlotte denkt kurz nach.

»Aber natürlich werde ich Ihnen zeigen, wo der Schmuck ist, ich meine, ich kann ja nicht mehr nach draußen gehen, und hier ist auch niemand mehr, für den ich ihn tragen könnte.«

Pierre reibt sich nachdenklich das Kinn.

»Du weißt nicht, wo du hinkönntest, eh?«

Dann gibt er sich einen Ruck und packt Marie-Charlotte hart am Handgelenk, zieht sie auf die Beine, wodurch sich ihre Röcke wieder heruntersenken, so, als wäre nichts geschehen.

»Schluss jetzt mit dem Gerede«, knurrt er entschieden. »Wo ist der verdammte Schmuck?«

»Wenn Sie mir bitte folgen würden, Monsieur Pierre …«, sagt Marie-Charlotte und geht in ihr Schlafzimmer, dicht gefolgt von Pierre, der ihr seine Pistole in den Rücken drückt.

Sie beugt sich über eine eisenbeschlagene Truhe und öffnet sie mit einem kleinen Schlüssel, den sie an einem Band um den Hals trägt. Pierre stößt sie zur Seite und staunt. Dann schaufelt er die Juwelen mit beiden Händen schnell in den mitgebrachten Lederbeutel.

Ein langes Schweigen entsteht. Pierre strafft sich.

»Habe die Ehre«, sagt er und wendet sich zum Gehen.

»Sie wollen mich bereits verlassen?« sagt Marie-Charlotte enttäuscht. »Ich hätte so gerne noch ein wenig mit Ihnen geplaudert, wissen Sie, hier ist doch niemand mehr, mit dem ich sprechen könnte.«

Pierre schüttelt den Kopf.

»Was bist du für ein sonderbares Mädchen, Marie!«

»Vielleicht könnten Sie mich auch mit meinem vollen Vornamen ansprechen, Monsieur Pierre, es strengt mich ein wenig an, wenn Sie mich nur ›Marie‹ nennen, weil ich mich dann immer ein bisschen wie nicht gemeint fühle. Ich heiße Marie-Charlotte.«

Pierre schüttelt den Kopf.

»Marie, du verwirrst mich. Ich denke, ich möchte zuerst einmal wissen, mit wem ich es überhaupt zu tun habe.«

Er nimmt ihr die weiße Perücke ab und fährt einige Male durch Marie-Charlottes dunkelbraunes Haar, bis es wieder natürlich fällt. Dann zieht er sein Messer und durchtrennt die hinteren Verschnürungen ihres Kleides und ebenso die des darunter zum Vorschein kommenden Korsetts. Kleid und Korsett fallen, Marie-Charlotte steht jetzt nur noch im Hemd da,
welches er ihr immerhin nur über den Kopf zieht, statt es ebenfalls aufzuschlitzen.

Marie-Charlotte ist nun ein wenig unbehaglich zumute.

»Bitte verzeihen Sie, Monsieur Pierre, aber ich bin es nicht gewohnt, ganz nackt zu sein, ich war zeit meines Lebens immer mit irgendetwas bekleidet.«

Pierre nickt grimmig. Dann reißt er einen der Unterröcke aus dem Kleid heraus.

»Gleich wirst du noch ein wenig nackter sein«, knurrt er und reibt mit dem Stoff den Puder aus Marie-Charlottes Gesicht.

Befriedigt schaut er das Ergebnis an. Marie-Charlotte sieht, dass sie ihm gefällt.

»Herrgott, wie schmal und zierlich du bist, Marie! Bist du überhaupt zu irgendetwas nütze?«

Er gibt ihr einen Stoß, und sie fällt rücklings auf das Bett. Sie dreht sich ein wenig auf die Seite und biegt ihren Rücken durch, bis ihr Hinterkopf fast die Fersen berührt. Ihre Scham wölbt sich einen Augenblick lang einladend heraus, dann entspannt sich Marie-Charlotte, und sie nimmt wieder eine normale Position ein.

»Ich bin für die körperliche Liebe nütze – genügt Ihnen das denn nicht?

Wollen Sie sich jetzt nicht vielleicht auch entkleiden, Monsieur Pierre?«

Pierre zieht sich also aus, und eher er sich versieht, greift Marie-Charlotte mit ihren kleinen, weichen Füßchen nach seinem Glied, und mit großen Augen sieht Pierre an sich herunter und beobachtet mit rapide steigender Erregung, was sie da tut.

 

Sie hat ihren Kopf an seine Brust geschmiegt, und ihre Finger streichen sacht über seinen Bauch.

»Würden Sie mir sagen, Monsieur Pierre, was Ihre, wie sagt man, ›Profession‹ ist, ich meine, wenn Sie nicht gerade Adelshäuser ausplündern?«

»Ich bin Müller«, sagt Pierre. »Ich betreibe eine Wassermühle vor den Toren der Stadt.«

»Ist es denn interessant, ein Müller zu sein?«

»Es ist ein Beruf wie jeder andere. Ein guter Beruf. Ich halte die Mühle instand, ich mahle das Korn, ich wiege, ich kontrolliere, ich führe Buch.«

»Ah! Mir scheint, Sie sind ein Mann mit vielen Talenten, Monsieur
Pierre.«

»Das Kompliment gebe ich dir gerne zurück, Kleines.«

Marie-Charlotte zuckt mit den Schultern.

»Nebenbei – sind Sie verheiratet?«

Pierre lacht.

»Nein. Bisher hat es noch keine lange bei mir ausgehalten. Warum? Möchtest du mich ehelichen?«

»Wo denken Sie denn hin, Monsieur Pierre …!? Ich stehe weit über – oder tief unter – Ihnen, je nachdem, wie man es sieht. Eine Ehe zwischen uns wäre in beiden Fällen völlig ausgeschlossen.«

Marie-Charlotte denkt einen Augenblick nach.

»Haben Sie übrigens auch Kenntnis davon, dass der König gefangen­gesetzt sei, wie man es sich wohl erzählt?« 

»Ja, das stimmt, ich habe gesehen, wie die Kutsche mit der königlichen Familie von der Grenze zurückgebracht worden ist.«

Marie sieht nachdenklich auf das zerwühlte Bett.

»Ich kann es mir nicht so richtig vorstellen, ich habe noch nie jemandem etwas zuleide getan, aber ich glaube, auf der Straße würde man mir jetzt nach dem Leben trachten.«

»Marie, das Volk hungert.«

Marie-Charlotte zuckt mit den Schultern.

»Hungern Sie auch, Monsieur Pierre?«

»Nein, natürlich nicht.«

Pierre steht auf.

»Ich muss jetzt gehen.«

Marie-Charlottes Selbstbeherrschung bröckelt jetzt.

»Bitte lassen Sie mich nicht alleine, Monsieur Pierre! Bitte nehmen Sie mich mit.«

»Ah, mein Kätzchen – hast du Angst?«

Marie-Charlotte sieht auf ihre Hände hinunter, die wild zittern.

»Ich weiß es nicht. Vielleicht ein wenig?«

»Was sollte ich denn mit dir anfangen?«

»Vielleicht könnte ich Ihnen in der Mühle zur Hand gehen?«

»Wohl kaum. Also, warum sollte ich dich durchfüttern wollen? Nur
wegen dem Ficken?«

»Sie müssen zugeben, dass meine diesbezüglichen Fähigkeiten nicht ganz schlecht sind, Monsieur Pierre«, sagt Marie-Charlotte ein wenig gekränkt. »Außerdem haben Sie meinen Schmuck. Der reicht für mehrere Leben auf der Mühle«,

»Ah, so ganz naiv bist du also doch nicht! Aber der Schmuck gehört mir bereits, mein Täubchen. Ich brauche dir nur eine über die Rübe zu geben und zu gehen.«

Marie-Charlotte schweigt.

Pierre zieht sich an und verlässt das Schlafzimmer. Sie lässt sich auf das Bett zurücksinken und sieht zu dem prächtig verzierten Betthimmel auf.

 

Nach einigen Minuten kehrt Pierre jedoch zurück und wirft ein Kleiderbündel aufs Bett.

»Oh, da sind Sie ja wieder, Monsieur Pierre!«

»Zieh das an!«

»Was ist das?«

»Frauenkleider, die ich in den Bedienstetenunterkünften gefunden habe.«

»Ah!«

Sie zieht das Kleid aus grobem Stoff an. Es ist zu groß. Probehalber dreht sie sich um die eigene Achse.

»Es hat keine Unterröcke, und man kann sich darin erstaunlich mühelos bewegen und auch atmen«, stellt sie fest, »aber es ist nicht sehr kleidsam.«

Pierre grinst.

»Hör zu, Marie – ich werde dich arbeiten lassen.

Wenn du aufsässig bist, dann verprügle ich dich, oder ich binde dich an das Schaufelrad der Mühle und lasse dich ein paar Mal durchs Wasser ziehen …

Man wird dich suchen, und ein Wort von mir genügt, und sie hängen dich an die Straßenlaternen, so wie sie es mit deinesgleichen zu tun pflegen.

Du wirst meinen Launen also auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sein.

Willst du immer noch mit mir gehen?«

»Wenn Sie mich zu viel arbeiten lassen, dann werden meine Hände hart und rissig, und mein Körper versteift sich, Monsieur Pierre. Das wäre doch schade, finden Sie nicht?«, sagt Marie-Charlotte.

Pierre seufzt.

Marie-Charlotte sieht, dass seine Hose bereits wieder gewölbt ist.

Die letzten Stunden mit ihm sind tatsächlich aufregender gewesen als die ganzen Jahre davor, denkt sie.

»Komm jetzt«, sagt Pierre ungeduldig. »Der Pöbel kann jeden Augenblick in das Haus eindringen.«

Er nimmt sie an der Hand und zieht sie durch die Gänge.

Sie verlassen das Gebäude durch den Dienstboteneingang, den Marie-Charlotte noch nie gesehen hat.

Draußen tobt der Pöbel, Marie-Charlotte sieht mit Entsetzen, wie einige ältere Adelige durch die Straße geschleift werden, sieht schlaffe Körper in vormals prächtigen Gewändern an den Straßenlaternen hängen, sieht allenthalben Möbeltrümmer und zerschlagenes Geschirr auf dem Pflaster liegen, riecht den Rauch, der über der ganzen Stadt liegt.

Doch Pierre bewegt sich in diesem Chaos wie ein Fisch im Wasser, und sie hält sich dicht hinter ihm. 

 

 

224 Seiten, kartoniert, DIN-A 5

18,80 €

ISBN 978-3-936708-95-0

http://www.marterpfahlverlag.com/Autoren-F-J/marie-charlotte.html

 

Making off:

"Marie-Charlotte" entwickelte sich aus einer Kurzgeschichte, die ich Mitte August 2009 in einem großen, einschlägigen Internetforum als eine von sieben Texten veröffentlichte, die ich in schneller Folge geschrieben hatte, jeden Tag eine. Thema war es, Klischees in eine annehmbare Form zu packen. Und was wäre mehr Klischee, als eine dekadente Adelige, welche in die Hände von Räubern fällt?

Diese Kurzgeschichte ist der in Präsens dargestellte Abschnitt am Anfang des Buches, den ich oben auch als Leseprobe eingestellt habe. In diesem Teil sind die wesentlichen Charaktereigenschaften Marie-Charlottes, Weltfremdheit gepaart mit Neugier, eine schnelle und scharfe Auffassungsgabe und die Fähigkeit zur Anpassung bereits festgelegt. Auch der Rahmen der Geschichte ist schon in weiten Teilen vorgegeben, der Vater, der sie zurückgelassen hatte, ihre geradezu akrobatischen sexuellen Fähigkeiten, der Schmuck als Finanzierung der weiteren Handlung, der potentielle Zielort Übersee.

Als die Kurzgeschichte dann veröffentlicht war, trug ich allerdings eine gewisse Frustration in mir, dieses Szenario so einfach wieder aufzugeben. Die dekadente, aber beherzte kleine Comtesse hatte eine längere Handlung verdient, wie ich fand. Dagegen sprach, dass ich über die Zeit der französischen Revolution deutlich weniger wusste, als beispielsweise über das Spätmittelalter und die Orte der Handlung nicht in meiner unmittelbaren Nähe lagen, wie es bei meinen Büchern zuvor der Fall gewesen war.

Ich begann trotzdem, mit der mir selbst gesetzten Einschränkung, die bereits bestehende Kurzgeschichte weder formal, noch inhaltlich noch einmal anzufassen.

Meine Lernkurve war kurz und enorm, da mich die in meinem Kopf entstehende Handlung drängte und vorantrieb. Es taten sich Fragen über Fragen auf, und nicht für alle fand ich befriedigende Antworten. Dafür stolperte ich über immer neue Fakten, über den faszinierenden gegenrevolutionären Aufstand in der Vendée, über den es leider kaum deutschsprachige Quellen gibt, über den französischen Sklavenhandel mit Nantes als Zentrum, über Guadeloupe als heutiges französisches Departement mit Eurowährung, über die Herstellung von Rum, über die kleineren Schiffstypen des ausgehenden achtzehnten Jahrhunderts, auch und insbesondere über die Flussschifffahrt auf der Seine zu dieser Zeit.

Vieles in dem Buch ist reine Spekulation, ein nettes Gedankenspiel, beispielsweise die Schlumpfmütze, Verzeihung, die phrygische Mütze, die den Mitraskult mit den thrakischen Bogenschützen, den römischen Freigelassenen und den Jakobinern verbindet.

Robespierre als Großmeister eines wiedererweckten Mithras - Kultes darzustellen, entbehrt natürlich jeder Quelle. Robespierre ist natürlich weitgehend bekannt. Über Louis, Comte de Clermont bin ich hingegen buchstäblich gestolpert. Für die Kurzgeschichte, die ja innerhalb nur eines Tages entstand, brauchte ich schnell einen Adelsrang und einen klingenden Namen, und erfinden wollte ich keinen. "Marquis" hätte eine zu starke Assoziation zu de Sade hergestellt, es sollte also ein Duc, Vicomte, Baron oder eben Comte sein. Ein Chevalier hätte vermutlich keinen Palais mitten in Paris besessen. Google spuckte einen Comte de Clermont aus, und da ich Clermont-Ferrant aus meinen Motorradzeiten kannte, schien mir der Name irgendwie passend.

Als sich Marie-Charlotte dann im Laufe der Handlung Guadeloupe näherte, beschäftigte ich mich etwas näher mit dem etwa zu der Zeit lebenden Comte Louis de Clermont, und was ich in seiner Kurzbiographie las, stellte mein Buch an Windungen und Aspekten weit in den Schatten. Louis hatte eine geradezu großartige Ämterhäufung, war unter anderem Großmeister der Freimaurer, gleichzeitig aber auch Abt, dieses jedoch mit dem päpstlichen Dispens, in der Armee dienen zu dürfen, er gewann und verlor Schlachten und heiratete heimlich eine Tänzerin, mit der er zwei Kinder hatte. Seine Feste sollen rauschend gewesen sein, er wird als ‚Libertin’ beschrieben, was immer das auch in jener an sich schon dekadenten Zeit heißen mochte. Für mich war er einer der ganz großen Charakteren der französischen Geschichte, und dass ich ihm eine kleine Handlung  in Guadeloupe andichtete, mag er mir posthum verzeihen.

Dass der Comte zur Zeit der Handlung, also 1793, bereits zwanzig Jahre tot war, erleichterte mir die Sache mit meiner Geschichtsfälschung ein wenig.

Henri de la Rochejaquelein war ebenfalls eine historische Persönlichkeit von Bedeutung, jung, strahlend und tragisch früh umgekommen. Von ihm existieren einige Portraits, so dass wir immerhin ungefähr wissen, wie er ausgesehen hat. Was genau ihn antrieb, hat sich zumindest mir nicht so recht erschlossen.

Insgesamt sind die Vorgänge in der Vendée äußerst bemerkenswert, die Brutalität und die Massenmorde bis hin zu den Massenertränkungen der Konterrevolutionäre in Schiffen haben für mich bereits den Geschmack späterer Ereignisse bei uns, aber da gibt es wohl unterschiedliche Sichtweisen. Da ich mich nicht zu tief in historische Fakten verwickeln wollte, ich hatte ja nicht vor, 'Krieg und Frieden' oder 'Vom Winde verweht' zu schreiben,  sondern lediglich ein erotisches Abenteuer mit sadomasochistischem Hintergrund, habe ich die Geschehnisse nur angerissen und Marie-Charlotte wieder schnell aus dem Geschehen dort herausgelöst. 

Die Hinrichtung des Chevalier de la Barre wegen Kirchenfrevel hat es wirklich gegeben, d’Etallondes Flucht ins Ausland ebenso. Voltaire schrieb darüber. Allerdings wurde d’Etallonde schließlich doch nach Jahren begnadigt und durfte nach Frankreich zurückkehren, sein Sohn hätte also nicht sein Dasein als karibischer Pirat fristen müssen.

Oder doch?

Nun ja, es ist ja nur eine kleine, erotische Erzählung...


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